Industriestandort Deutschland unter Druck

© Warakorn – stock.adobe.com
© Warakorn – stock.adobe.com

Die Ergebnisse des aktuellen Länderindex Familienunternehmen werfen ein kritisches Licht auf die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Im Vergleich der 21 wichtigsten OECD-Industrienationen landet Deutschland erneut weit abgeschlagen. Die Analyse wurde im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) durchgeführt und zeigt, dass die erhoffte Trendwende ausgeblieben ist. Besonders hervorzuheben sei der Erfolg von Dänemark und Schweden, die erstmals die Spitzenplätze des Rankings einnehmen. Diese Länder beweisen, dass selbst innerhalb der bürokratisch geprägten Europäischen Union wirtschaftliche Spitzenpositionen erreichbar sind. Die Forscher des ZEW betrachten dies als Beleg dafür, dass marktorientierte Reformen auch in sozialen Marktwirtschaften erfolgreich sein können.

Für Deutschland fällt die Bilanz ernüchternd aus. Positiv bewertet wurden lediglich die Rahmenbedingungen im Bereich Finanzierung. Das Land profitiert hier von geringer öffentlicher und privater Verschuldung sowie stabilen Kreditmärkten. In fast allen anderen Kategorien liegt Deutschland jedoch deutlich zurück. Die Steuerbelastung gehört zu den höchsten im Vergleich, und die Wettbewerbsfähigkeit leidet unter hohen Arbeitskosten in Verbindung mit unterdurchschnittlicher Produktivität. Auch das Bildungssystem wird von den Forschern als Schwachstelle hervorgehoben.

Ein weiteres Problemfeld ist laut der ZEW-Untersuchung die Regulierung. Hier habe sich die Situation im Vergleich zu früheren Untersuchungen weiter verschlechtert. Die Forscher kritisieren, dass die Komplexität der Regulierungen den Geschäftsbetrieb behindert. Im Gegensatz dazu setzen die skandinavischen Länder auf flexible Ansätze, was ihre Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Verbesserungen konnte Deutschland im Bereich Infrastruktur erzielen, insbesondere bei der digitalen Vernetzung. Dennoch bleiben die Zustände von Straßen und Schienen weit hinter den Standards anderer Industrienationen zurück.

Energiekosten als Problem

Der Faktor Energie zeigt laut ZEW eine gemischte Entwicklung. Deutschland konnte sich zwar in der Rangliste verbessern, bleibt aber weiterhin von hohen Energiepreisen belastet. Elektrizität koste hier doppelt so viel wie in den günstigsten OECD-Staaten. Auch die Preise für Gas und Kraftstoffe würden weit über dem Durchschnitt anderer Industrienationen liegen. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, äußerte sich besorgt über die Situation. Er verwies auf Personalabbau, Marktanteilsverluste und Investitionsschwäche als alarmierende Zeichen für den Industriestandort. Die Forderung nach einer durchgreifenden Reform der Steuer- und Regulierungspolitik könne die Politik nicht länger ignorieren.

Das ZEW betont, dass umfassende Reformen notwendig sind, um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu sichern. Dabei gehe es nicht nur um steuerliche Entlastungen und bessere Investitionsanreize, sondern auch um einen grundlegenden Abbau von Bürokratie. Ein „Null-Regulierungs-Denkmodell“ wie in den skandinavischen Ländern könne hierbei als Orientierung dienen. Ohne spürbare Veränderungen werde es Deutschland nicht gelingen, das bisherige Wohlstandsniveau zu halten.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.

Vorheriger ArtikelRückgang der Kreditnachfrage
Nächster ArtikelKünstliche Intelligenz wird wichtiger Wirtschaftsfaktor