Extremistische Positionen finden in Deutschland immer stärkeren Zulauf. Umso mehr ist die Gesellschaft auf glaubwürdige Autoritäten angewiesen, die für unsere demokratische Verfassung und ein Miteinander in Vielfalt einstehen. Familienunternehmen erscheinen dafür prädestiniert, denn ihre Identität gründet auf einem stabilen Wertefundament. Wird die Demokratie angegriffen, ist der Zeitpunkt gekommen, Überzeugungen sichtbar zu machen. Aus Haltung muss Handeln werden.
Der Arbeitsplatz zählt zu den Orten, an denen Menschen mit oft sehr unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Einstellungen aufeinandertreffen und in der Regel viel gemeinsame Zeit verbringen. Damit eröffnet der Job jenseits des eigenen Familien- und Freundeskreises eine soziale Arena, in der Sichtweisen ausgetauscht, Meinungen gebildet und überdacht werden – und zwar auch zu politischen Sachverhalten. Oder abstrakter formuliert: Unternehmen sind soziale Systeme. Ihre Bedeutung wächst, wenn andere soziale Systeme wie Vereine, Kirchen oder Gewerkschaften an Bindekraft verlieren. Unternehmen wiederum profitieren als gesellschaftliche Akteure von unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, ohne die erfolgreiches Wirtschaften kaum oder nur schwer möglich wäre. Es sollte also in ihrem ureigenen Interesse liegen, eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem hohen Gut der Demokratie auch im Betrieb zu stützen und zu fördern.
Familiengeführte Unternehmen verfügen dafür über besonders günstige Voraussetzungen. Ihre häufig über Generationen gereifte, wertegeleitete Identität macht sie zu glaubwürdigen Fürsprechern demokratischer Anliegen. Außerdem besteht in Familienunternehmen oft eine engere Verbindung zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft als etwa in börsennotierten Konzernen, der gelebte Zusammenhalt ist häufig viel höher.
Wie kann ein Familienunternehmen diese doppelte Chance nutzen? Wie kann es seiner Verantwortungsrolle in der betrieblichen Praxis gerecht werden? Es mag profan klingen: Aber die erste Aufgabe besteht darin, die Haltung des Unternehmens zur demokratischen Grundordnung innerhalb der Organisation bekannt zu machen. Wie stehen Eigentümerfamilie beziehungsweise Unternehmensleitung zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Geschehnissen? Welchen Standpunkt nehmen sie im Angesicht eines erstarkenden Rechtspopulismus ein? Kurz: Das Familienunternehmen sollte gegenüber den Mitarbeitenden seinen Überzeugungen hör- und sichtbar Ausdruck verleihen. Wenn Unternehmerpersönlichkeiten wie der Schraubenfabrikant Reinhold Würth ihre Haltung unmittelbar gegenüber der Belegschaft deutlich machen oder sie, wie Martin Herrenknecht, Gründer und Inhaber des gleichnamigen Tunnelbauunternehmens, in einem Zeitungsinterview öffentlich kundtun, schafft das Klarheit und Orientierung.
Ein echtes Engagement darf sich allerdings weder in „patriarchalen Gesten“ noch in reinen Symbolhandlungen erschöpfen. Eine Zitatkachel auf LinkedIn oder ein Transparent an der Firmenzentrale allein sind noch kein nachhaltiges Demokratie-Engagement. Jetzt kommt es darauf an, die Unternehmenskultur für das Politische zu öffnen und Räume zu schaffen, in denen Dialog und Partizipation möglich sind. Dazu möchten wir einige Impulse geben:
1. Für Management Attention sorgen
Um das Bewusstsein für unser demokratisches System und dessen enorme Vorteile für Wirtschaft und Bürger auf die Kommunikationsagenda des eigenen Unternehmens zu heben, braucht es die Aufmerksamkeit und Einsicht aller Führungsverantwortlichen. Behandeln Sie die gesellschaftspolitischen Ereignisse nicht als singuläres Thema. Begreifen Sie stattdessen den Diskurs über Wert und Verletzlichkeit unserer Demokratie als Daueraufgabe, die ähnlich hohe Priorität wie Ihr Kerngeschäft verdient.
2. Demokratieaustausch in Betriebsalltag integrieren
Die landesweiten Demonstrationen waren ein überdeutliches Signal. Sie zeigen: Es besteht Bedarf, diese Bewegung zu verstetigen und sie von den Straßen in die Büros und Werkshallen zu tragen. Ob im montäglichen Führungskräfte-Call, beim Abteilungsmeeting, in der Schichtbesprechung oder der Betriebsversammlung: Greifen Sie das aktuelle politische Geschehen auf und geben Sie ihm im Tagesgeschäft und Betriebsalltag Raum.
3. Für Vielfalt und Pluralismus eintreten
Demokratie lebt von Begegnung und Auseinandersetzung in Verschiedenheit. Zeigen Sie der Öffentlichkeit, wie auch Ihr Familienunternehmen Diversität anerkennt und fördert. Das kann das Sponsoring des inklusiven Sportvereins sein oder das Firmenkochbuch mit Lieblingsgerichten aus den Heimatländern der Beschäftigten. Auch Projekte zur weltanschaulichen, geschlechtlichen oder Generationen-Vielfalt signalisieren: Pluralismus ist bei aller Herausforderung ein Wert, der unserem Unternehmen wichtig ist.
4. Aktiv und offensiv kommunizieren
Zeigen Sie als Unternehmen klare Kante in Situationen, in denen unsere Demokratie, einzelne Menschen oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen von Dritten in einer Art und Weise angegangen werden, die nicht mit den Grundwerten vereinbar ist. Tragen Sie dafür Sorge, dass hetzerische Kommentare nicht unwidersprochen bleiben, egal ob auf Ihren externen Social-Media-Kanälen oder im Intranet. Formulieren Sie verbindliche Verhaltensregeln für Ihre interne und externe Kommunikation.
5. Organisation für Diskurse wappnen
Wie können wir rechtspopulistische Rhetorik entlarven und ihr angemessen begegnen? Auch im Betrieb sollte man sich mit dieser Frage beschäftigen. Als Familienunternehmen können Sie Ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, sich für Konfrontationen mit Demokratieverächtern in Beruf und Privatleben zu rüsten. Laden Sie zu Inhouse-Trainings ein oder weisen Sie gezielt auf Angebote von politischen Stiftungen und Bildungsträgern hin, die oft auch weitergehende Demokratieprogramme anbieten.
6. Gegen Ausgrenzung vorgehen
Bei Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung am Arbeitsplatz wegzusehen, verstößt gegen Recht und demokratischen Anstand. Es dürfte auch allen Werten zuwiderlaufen, für die Ihre Familienfirma steht. Stellen Sie daher sicher, dass etwaige Vorfälle zur Sprache kommen. Sofern noch nicht vorhanden, richten Sie eine Anlaufstelle ein oder benennen Sie eine Ombudsperson, an die Betroffene sich wenden können. Mitarbeiter-Umfragen im Schutz der Anonymität können helfen, eventuelle rassistische Tendenzen im Unternehmen aufzuspüren.
7. Mediale Informiertheit stärken
Medienkompetenz macht widerstandsfähig gegen Fakenews und Propaganda. Sie ist wesentlich für die politische Meinungsbildung und den Erhalt der Demokratie. Allerdings konsumieren vor allem junge Menschen immer seltener klassischen Journalismus. Steuern Sie gegen, indem Ihr Unternehmen Azubis und Trainees Informationsvielfalt auf Basis gesicherter Quellen ermöglicht, zum Beispiel mittels kostenfreier Online-Abos ausgewählter Qualitätsmedien.
8. Jüngere Beschäftigte gezielt einbeziehen
Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland interessieren sich für die Vergangenheit ihres Landes und speziell für die Zeit des Nationalsozialismus – mehr noch als die Allgemeinbevölkerung. Gleichzeitig fehlt Ihnen häufig jedoch Faktenwissen. Das geht aus einer Studie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) unter 16- bis 25-Jährigen hervor. Wenden Sie sich also gerade dieser Generation besonders intensiv zu und erwägen Sie spezielle Formate. Bringen Sie Ihre jungen Beschäftigten zum Beispiel ins Gespräch mit Holocaust-Zeitzeugen, solange dies noch möglich ist, oder organisieren Sie Firmenfahrten zu Gedenkstätten des nationalsozialistischen Terrors.
9. In der Heimatregion vernetzen
Wenn Unternehmen zu Orten demokratischer Bildung und Mobilisierung werden, betreten sie Neuland. Umso wichtiger ist der Schulterschluss mit anderen Akteuren. Es sind bereits an zahlreichen Orten in Deutschland Bündnisse zur Demokratiestärkung unter Beteiligung oder sogar Federführung der lokalen Wirtschaft entstanden. Schließen Sie sich einer solchen Initiative in Ihrer Region an und profitieren Sie vom Erfahrungsaustausch, aber auch von mehr Sichtbarkeit für Ihre Positionen und Aktionen.
10. Zur Beteiligung an Wahlen aufrufen
Je mehr demokratisch gefestigte Menschen sich an den kommenden Wahlen beteiligen, desto eher steigen die Chancen, populistische Parteien in den Parlamenten kleinzuhalten. Rufen Sie Ihre Beschäftigen zur Wahrnehmung ihres Wahlrechts auf. Machen Sie auf Angebote wie den „Wahl-O-Mat“ der Bundeszentrale für politische Bildung aufmerksam. Auch Wertschätzung für Mitarbeiter, die sich als ehrenamtliche Wahlhelfer engagieren, kann ein wichtiges Signal sein.
11. Leichtigkeit zulassen
Last, not least: Mit vereinten Kräften für unsere Demokratie einzustehen, ist harte, ernsthafte Arbeit. Trotzdem sollte die Kommunikation einladend sein und motivieren. Werden Sie kreativ: Mit welchen Slogans, die der Identität Ihres Unternehmens entsprechen, können Sie markante Signale senden? Wie kann demokratisches Grundverständnis Teil einer Mitarbeiterfeier werden? Wie kann Vielfalt Ihre interne Kommunikation bereichern? Erlaubt ist alles, was die Gemeinschaft stärkt, den gegenseitigen Respekt fördert und die Werte Ihres Familienunternehmens nach innen und außen erfahrbar macht.
FAZIT
Diese Anregungen sind als ein „Kaleidoskop der Möglichkeiten“ zu verstehen, das einen Eindruck davon vermittelt, auf welch unterschiedlichen Wegen Familienunternehmen einen Beitrag zur Demokratiestärkung leisten und kommunikativ ins Handeln kommen können. Dass unweigerlich Reibungen entstehen, wenn die Gesellschaftspolitik in den Betriebsalltag geholt wird, sollte die Unternehmensleitung als Bereicherung betrachten. Es tut unserer Demokratie gut, wenn Menschen sich auch am Arbeitsplatz darin üben, Meinungsverschiedenheiten argumentativ auszutragen und konträre politische Standpunkte zu tolerieren, solange sich alle auf dem Boden des gemeinsamen Wertefundaments unserer Grundordnung bewegen. Ein Familienunternehmen, das sich in diesem Sinne als Ort sozialer Weiterentwicklung begreift, praktiziert Verantwortung für eine lebendige, wehrhafte Demokratie.